Kleine Bühne mit ohne Licht

"Sie brauchen eine kleine Bühne."
Das heißt, nach draußen wollen, sich zeigen und doch nicht zu erkennen geben irgendwie.
Nur nicht zu viel zeigen, als dass man angreifbar wäre. So ganz plötzlich und ohne Deckung.
Fremdes Publikum, das ich noch nicht kenne und das zumindest im Halbdunkel des Vorführraums bleiben wird.
So dass ich nichts ablesen kann, keine Reaktion oder Nicht-Reaktion erkenne und mich damit sicher fühlen kann - auf meiner kleinen Bühne.
Wer bin ich schon, dass ich mein Kopfkino für allzu interessant halte, um es unter die Leute zu bringen?
Vermutlich gehört dann doch mehr Selbstbewusstein dazu als ich mir zugestehe und zugeben würde.
Vielleicht war ich doch schon ein klein wenig überzeugt von mir und wollte nicht auf ewig unauffällig und grau bleiben.
Und die ersten fremden Augen auf mir fühlen sich gut an. Es schmeichelt, Interesse zu wecken und es beruhigt, nicht zu wissen, warum oder für wie lange.
Selbst wenn nur ein Stückchen fremde Zeit für mich abfällt, so kenne ich nur das Ergebnis und nichts weiter.
Das kann alles und nichts bedeuten, aber vor allem nicht wirklich berühren.
Und dann - gerade als ich mich sicher fühle auf meiner kleinen Bühne, gerade als ich mich eingerichtet habe in meiner anonymen Öffentlichkeit, gerade da erwischt es mich.
Vielleicht war ich naiv genug zu glauben, die Dunkelkammer würde mich verschont lassen und jeder, der unerkannt unfreundlich sein möchte, läuft an mir vorbei.
Vielleicht habe ich es drauf ankommen lassen und wollte die Feuertaufe irgendwann hinter mich bringen.
Wer sich in den Wind stellt, den könnte auch ein Sturm erwischen.
Das mag zugespitzt klingen - aber in Bildern denken, das wollte ich ja wieder.
Das erste Mal, dass ich meine Bühne abseits von griffigem Papier und abgeranzten Buchrücken in dieser Welt aufgebaut habe und mich jedem stelle, den ich nicht vorher aussuchen konnte.
Wer ehrlich sein will, den habe ich eingeladen und jetzt bekommt die kleine Rampensau Lampenfieber...?
Abhaken hieße die Devise. Aussortieren und dann wegwerfen. Schublade mit "Egal"-Etikett versehen und dann befüllen mit allem, das es wert ist.
Das ist eine neue Aufgabe.
Aber ich wollte ja neu und auf Anfang. Und damit auch ab in den Windkanal. Wer fremd ist, wird es bleiben.

21.2.15 18:15, kommentieren

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Herdentiere oder was?

Menschen sind keine Herdentiere. Sollte das anders sein, so gründet sich die Bereitschaft sich zusammen zu tun meist auf familiären, sexuellen oder schnöde freundschaftlichen Verknüpfungen. Auch ein tiefes Unsicherheitsbefinden, bezogen auf die eigene Person, kann dafür sorgen, dass der Wunsch nach Zugehörigkeit sich aufdrängt und man sich sodann einer massenhaften Gleichschaltung anschließt nur um am Ende nicht allein da zu stehen.
Schöne Alibis, die wir gerade noch gelten lassen können... nicht aber folgendes...

Würde man eine Befragung starten, in welchen und wievielen Situationen sich der Einzelne mit Lebensgenossen und –genossinnen bekannt und auf den Weg macht, welche er unter der eigenen Oberfläche nicht einmal mit der Kneifzange anfassen, geschweige denn mit ins Kino oder auf eine einsame Insel nehmen würde, dann wäre man entweder vorher naiv, infolge dessen überrascht bis geschockt oder hätte sich am Ende des Tages mehrfach Sätze wie „Arme Sau!“ oder „Selbst schuld!“ sagen hören/ denken.

Verlangt wird da ganz klar ein verlogenes Ding namens Anstand und Sitte. Gesteigert mag man es Höflichkeit nennen wollen, wobei eben jene nicht gänzlich der betrügerischen Schublade zugeordnet werden sollte. Wir begrüßen, beschwatzen und bedauern jeden, der das von uns erwartet. Wir nehmen teil an dem Leben von Personen, welche uns egal und daraus resultierend Luft für uns sein könnten. Wir gratulieren zu allerlei Jubiläen, spenden Geld aus der Sammelbüchse, schaffen es sogar uns unsere knapp bemessene Pausenzeit damit zu versüßen, dass wir sie mit eben jenen Egalitäten verbringen. Nur weil ein Gang vorbei am Nebenzimmer und striktes Egoistentum beim Aussuchen der Tischnachbarn für den Kantinenbesuch unangenehm auffallen und evtl. einmal nicht durch ein wasserdichtes Alibi gedeckt sein könnte.

Und nun frage ich – sind wir nicht alle gesellschaftliche Masochisten par excellence?

Wir ketten uns scheinbar nur allzu gern an so hochtrabend überbewertete Begriffe wie Anstand, lassen uns liebend gern auf ein Auspeitschen mit dem, was die Allgemeinheit vom zwischenmenschlichen Miteinander versteht, ein und verbringen allerlei kostbare Lebenszeit im Folterkeller der Geselligkeit. Und das Schlimmste – wir wissen, was wir da tun. Wir sind uns jeder Zeit bewusst darüber, was und wen wir da vor uns haben. Wir haben in keinem Augenblick vergessen, was wir mögen und wen nicht.
Ich frage mich nun also, wieviele Bestandteile der oben durchgeführten Befragung mutig und zugleich lebensmüde genug sind um diese tägliche Spielplatzregelung zu beenden. Wer hindert daran meinem Gegenüber zu zeigen, was ich von ihm halte? Würde es uns allen nicht etwas besser gehen, wenn wir einerseits wüssten, was unsere liebsten Feinde uns schon immer mal sagen wollten, nur bisher um der Etikette willen nicht trauten? Würde es andererseits auf dem Weg zur allgemein deutschen Traumfigur und im allgemein deutschen Kampf dem Übergewicht nicht herrlich erleichternd wirken, wenn Heuchelei ab heute gestrichen, falsche Höflichkeit verbannt und Ehrlichkeit wieder auf dem persönlichen Speisezettel stehen würde?

Die Fragen über Fragen können wohl offen gelassen werden – die Kollegen treffen ein zum Geburtstagskuchenessen...

 

21.2.15 12:15, kommentieren